Löwenzahnkaffee selber machen: Wurzeln richtig rösten
Aus einer Pflanze, die im Garten meist nur stört, lässt sich ein erstaunlich guter Kaffee-Ersatz gewinnen. Das Geheimnis liegt weniger im Rezept als im Timing der Ernte und in der Röstkurve – zwei Dinge, die über einen milden oder einen bitter verbrannten Aufguss entscheiden.

Löwenzahnkaffee ist ein alter Bekannter der bäuerlichen Küche: In Notzeiten röstete man Wurzeln, um teuren Bohnenkaffee zu strecken. Heute greifen viele wieder danach – nicht aus Mangel, sondern aus Neugier auf ein koffeinfreies, erdiges Getränk aus dem eigenen Garten. Die gute Nachricht: Der Aufwand ist überschaubar. Die weniger bekannte: Fast alle Anleitungen verschweigen die zwei Stellschrauben, die über Gelingen und Misslingen entscheiden. Genau die stehen hier im Mittelpunkt.
Der unterschätzte Faktor: Wann Sie ernten
Die meisten Rezepte sagen nur: „Wurzeln ausgraben." Doch der Zeitpunkt verändert das Ergebnis grundlegend. Löwenzahn (Taraxacum officinale) ist eine ausdauernde Pflanze mit kräftiger Pfahlwurzel. Über das Jahr wandert ihre gespeicherte Energie zwischen Blättern und Wurzel hin und her. Im Herbst, etwa ab September, zieht die Pflanze ihre Reserven nach unten und lagert sie als Inulin in der Wurzel ein – ein löslicher Speicherstoff aus der Familie der Fruktane.
Für die Tasse hat das zwei Folgen. Erstens sind Herbstwurzeln dicker und ergiebiger. Zweitens schmecken sie milder und runder: Der hohe Inulingehalt bringt beim Rösten eine leicht malzig-süßliche Note, während Wurzeln aus dem Frühsommer bitterer und schärfer ausfallen. Wer also einen weichen, angenehmen Löwenzahnkaffee will, gräbt im Herbst – idealerweise nach den ersten kühlen Nächten. Ein zweiter kleiner Erntezeitraum ergibt sich im zeitigen Frühjahr, bevor die Pflanze austreibt; auch dann steckt noch viel Reserve in der Wurzel.
Sammeln Sie nur an unbelasteten Stellen: eigener Garten, Wiese oder Waldrand, fernab von Straßenrändern, Hundewegen und gespritzten Feldern. Zwei- bis dreijährige Pflanzen mit fingerdicker Wurzel liefern die beste Ausbeute. Und wer den Löwenzahn ohnehin als Wildkraut schätzt, findet in unserem Porträt bekannter Heilpflanzen weitere Pflanzen, die vor der eigenen Haustür wachsen.
Inulin ist der Speicherzucker des Löwenzahns. Er reichert sich zum Herbst hin in der Wurzel an und sorgt beim Rösten für eine mildere, leicht süßliche Note. Frühsommerwurzeln enthalten weniger davon und schmecken deutlich schärfer-bitterer – der Hauptgrund, warum selbst gemachter Löwenzahnkaffee mal gelingt und mal enttäuscht.
Ernten, säubern, schneiden
Stechen Sie die Wurzel mit einem Grabegabel oder Unkrautstecher möglichst tief und ganz aus dem Boden – Löwenzahn treibt aus jedem Reststück wieder aus. Klopfen Sie grobe Erde ab und waschen Sie die Wurzeln anschließend gründlich unter fließendem Wasser; eine Gemüsebürste hilft bei den Rillen. Kranke, weiche oder braune Stellen schneiden Sie weg.
Danach die Wurzeln in kleine, gleichmäßige Stücke schneiden, etwa 0,5 bis 1 Zentimeter lang. Gleichmäßigkeit ist wichtiger, als sie klingt: Nur bei ähnlicher Größe rösten später alle Stücke gleich schnell durch, ohne dass die kleinen schon verkohlen, während die großen noch roh sind. Dickere Wurzeln dürfen Sie zusätzlich längs halbieren.
Trocknen: der Schritt vor dem Rösten
Frisch geschnittene Wurzeln enthalten viel Wasser. Wer sie sofort in die Pfanne gibt, dämpft sie eher, als dass er sie röstet – das Aroma bleibt flach. Deshalb zuerst trocknen. Drei Wege führen zum Ziel:
- Luft: Wurzelstücke auf einem Tuch oder Gitter locker ausbreiten und an einem warmen, luftigen Ort ein bis zwei Wochen liegen lassen, bis sie hart durchbrechen.
- Backofen: bei 50 bis 60 Grad und leicht geöffneter Tür einige Stunden, bis die Stücke trocken und brüchig sind.
- Dörrautomat: bei rund 40 bis 50 Grad, ideal für gleichmäßiges Ergebnis.
Richtig getrocknet lassen sich die Wurzeln wochenlang in einem Schraubglas lagern und portionsweise rösten. Wer mag, kann hier stoppen und die getrockneten Stücke als Wurzeltee aufgießen – geröstet wird daraus aber erst der „Kaffee".
Die Röstkurve: hier entscheidet sich alles
Das Rösten ist der Moment, an dem aus getrockneter Wurzel Aroma wird. Beim Erhitzen laufen die gleichen Bräunungsreaktionen ab wie bei Kaffeebohnen oder Brotkruste – die sogenannte Maillard-Reaktion zwischen Zuckern und Eiweißbausteinen. Sie erzeugt die nussig-schokoladigen Röststoffe, die wir mit „Kaffee" verbinden.
Der häufigste Fehler: zu heiß und zu dunkel. Viele glauben, je dunkler die Röstung, desto „kräftiger" und „gesünder" das Ergebnis. Das Gegenteil stimmt. Wird zu stark geröstet, kippt das Aroma in eine verbrannte Bitterkeit, die nichts mehr mit einer runden Tasse zu tun hat. Sehr dunkles, starkes Rösten fördert zudem die Bildung unerwünschter Stoffe wie Acrylamid, das in stärkereichen, hoch erhitzten Lebensmitteln entsteht – die europäische Lebensmittelbehörde EFSA und das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung empfehlen ausdrücklich, Röstprodukte eher goldbraun als dunkelbraun zu halten. „Dunkler" ist hier also weder geschmacklich noch gesundheitlich das Ziel.
So gelingt die Röstung:
- Pfanne: trockene, beschichtungsfreie Pfanne bei mittlerer Hitze, Wurzelstücke in einer Lage. Ständig rühren. Nach 15 bis 25 Minuten nehmen sie ein warmes Kastanienbraun an und duften nussig.
- Backofen: bei 160 bis 180 Grad auf einem Blech rund 30 bis 45 Minuten, zwischendurch wenden.
Verlassen Sie sich auf Nase und Auge, nicht auf die Uhr: Zielfarbe ist ein sattes Kastanienbraun, der Duft warm und schokoladig. Sobald es beißend, scharf oder brenzlig riecht, ist der Punkt überschritten. Nehmen Sie die Wurzeln lieber eine Spur zu früh vom Herd – sie rösten in der heißen Pfanne nach.
Mahlen und aufbrühen
Nach dem Rösten die Wurzeln vollständig auskühlen lassen, sonst schwitzen sie im Behälter. Dann in einer Kaffee- oder Gewürzmühle mahlen – mittelfein, ähnlich wie für Filterkaffee. Aufgebrüht wird wie Kaffee: etwa ein bis zwei Teelöffel pro Tasse mit heißem, nicht mehr kochendem Wasser übergießen, drei bis fünf Minuten ziehen lassen und durch ein Sieb oder einen Filter abgießen. Alternativ kurz aufkochen und absetzen lassen – das gibt eine kräftigere Tasse.
Wer möchte, verfeinert mit einem Schuss Pflanzendrink, etwas Honig oder einer Prise Zimt. Das gemahlene Pulver hält im geschlossenen Glas einige Wochen; frisch geröstet und gemahlen schmeckt es aber am besten.
Ehrlich verglichen: Löwenzahn, Zichorie, Malz
Löwenzahnkaffee wird gern in einem Atemzug mit anderen Kaffee-Ersatzgetränken genannt. Der Vergleich lohnt, denn die Unterschiede sind deutlich – und keiner der drei ist einfach „schlechter Kaffee".
Zichorienkaffee (aus der Wurzel der Wegwarte) ist der nächste Verwandte: ebenfalls inulinreich, erdig und leicht bitter, oft eine Spur karamelliger. Malzkaffee aus gerösteter Gerste schmeckt getreidig, mild und deutlich süßlicher, mit weniger Bitterkeit. Löwenzahnkaffee liegt dazwischen, tendiert aber zur herberen, erdigeren Seite – markanter als Malz, meist etwas rustikaler als Zichorie. Wer feine Filterkaffees erwartet, wird überrascht sein; wer erdige, dunkle Aromen mag, findet hier eine eigenständige Tasse.
| Getränk | Rohstoff | Geschmack & Besonderheit |
|---|---|---|
| Löwenzahnkaffee | Löwenzahnwurzel | Erdig, malzig, dezent bitter; inulinreich; koffeinfrei. |
| Zichorienkaffee | Wegwarten-Wurzel | Erdig, leicht karamellig, mild-bitter; ebenfalls inulinreich; koffeinfrei. |
| Malzkaffee | Geröstete Gerste | Getreidig, süßlich, wenig bitter; mildester der drei; koffeinfrei. |
Koffeinfrei und Ballaststoff: was drin steckt
Der offensichtlichste Vorteil: Löwenzahnkaffee ist vollständig koffeinfrei. Löwenzahn enthält von Natur aus kein Koffein, weshalb sich das Getränk auch am Abend anbietet, ohne den Schlaf zu stören. Die Ähnlichkeit zum Bohnenkaffee ist rein sensorisch – Farbe, Röstaroma, Ritual.
Über die Wurzel kommt zudem Inulin in die Tasse, ein löslicher Ballaststoff. Inulin gilt als präbiotisch, das heißt, es dient nützlichen Darmbakterien als Nahrung. Die Bitterstoffe der Löwenzahnwurzel wiederum werden traditionell zur Anregung von Appetit und Verdauung angewendet; die Wurzel ist als solches pflanzliches Mittel in Arzneibüchern beschrieben. Das bedeutet: Als traditionsreiches Getränk kann Löwenzahnkaffee ein angenehmer, magenfreundlicher Begleiter sein.
Wichtig bleibt die Einordnung: Ein aufgebrühter Kaffee liefert nur einen Bruchteil dessen, was in konzentrierten Wurzelextrakten steckt. Belastbare Belege für darüber hinausgehende Heilwirkungen des Getränks – etwa zur „Entgiftung" oder gegen bestimmte Krankheiten – gibt es nicht. Löwenzahnkaffee ist ein wohlschmeckendes Alltagsgetränk, kein Arzneimittel. Wer die Verdauung gezielt unterstützen möchte, findet in unseren Ratgebertexten zu Bitterstoffen und Verdauung weitere Hintergründe. Und wer den entwässernden Ruf von Wildkräutern spannend findet, liest dazu wie viele Tassen Brennnesseltee zum Entwässern sinnvoll sind.
Bei bekannter Allergie gegen Korbblütler (etwa Beifuß, Kamille, Ringelblume) kann auch Löwenzahn Reaktionen auslösen. Bei Gallensteinen oder Verschluss der Gallenwege sollten Bitterstoffe nur nach ärztlicher Rücksprache verwendet werden. Größere Mengen Inulin können bei empfindlichen Personen zu Blähungen führen – tasten Sie sich langsam heran. Wer regelmäßig Medikamente einnimmt, etwa Johanniskraut-Präparate oder verschreibungspflichtige Arzneien, bespricht neue pflanzliche Getränke am besten mit Arzt oder Apotheke. Bei starken, anhaltenden oder unklaren Beschwerden gehört die Ursache zuerst ärztlich abgeklärt; im Notfall gilt die 112.
Häufige Fragen
Wann sollte man Löwenzahnwurzeln für Kaffee ernten?
Am besten im Herbst, etwa von September bis in den November. Dann zieht die Pflanze ihre Kraft in die Wurzel zurück und lagert dort besonders viel Inulin ein. Herbstwurzeln sind dicker, aromatischer und ergeben einen milderen, weniger scharf-bitteren Kaffee als Wurzeln aus dem Frühsommer. Am ergiebigsten sind zwei- bis dreijährige Pflanzen mit kräftiger Pfahlwurzel. Sammeln Sie nur an sauberen Stellen, fernab von Straßenrändern und gespritzten Flächen.
Wie lange muss man Löwenzahnwurzeln rösten?
In der trockenen Pfanne bei mittlerer Hitze meist 15 bis 25 Minuten, im Backofen bei etwa 160 bis 180 Grad rund 30 bis 45 Minuten. Entscheidend ist nicht die Uhr, sondern Farbe und Geruch: Die Wurzelstücke sollen ein warmes Kastanienbraun annehmen und nussig-schokoladig duften. Sobald es beißend oder verbrannt riecht, ist der Punkt überschritten – dann dominiert bittere Röstschärfe statt eines runden Aromas.
Wie schmeckt Löwenzahnkaffee?
Erdig, leicht malzig und dezent bitter, mit einer nussigen Röstnote. Er erinnert an Zichorien- oder Malzkaffee, ist aber meist eine Spur herber und weniger süßlich als Malzkaffee. Wer helle Filterkaffees mag, wird eine andere, kräftig-erdige Tasse vorfinden. Der Geschmack hängt stark vom Röstgrad ab: hell geröstet mild und getreidig, dunkler geröstet kräftiger, aber schnell auch bitter.
Ist Löwenzahnkaffee koffeinfrei?
Ja. Löwenzahn enthält von Natur aus kein Koffein. Selbst gemachter Löwenzahnkaffee ist damit vollständig koffeinfrei und eignet sich als Kaffee-Ersatz auch am Abend. Er wirkt nicht anregend wie Bohnenkaffee – die Ähnlichkeit liegt allein in Farbe, Röstaroma und Zubereitung.
Wie gesund ist Löwenzahnkaffee?
Er ist koffeinfrei und liefert über die Wurzel Inulin, einen löslichen Ballaststoff, der als Futter für nützliche Darmbakterien gilt. Die Löwenzahnwurzel wird traditionell zur Anregung von Appetit und Verdauung angewendet. Belastbare Belege für darüber hinausgehende Heilwirkungen des Getränks fehlen jedoch. Löwenzahnkaffee ist ein wohlschmeckendes, koffeinfreies Alltagsgetränk – kein Arzneimittel und kein Ersatz für eine ärztliche Behandlung.
Quellen & Literatur
- Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA). Acrylamid in Lebensmitteln. Abgerufen 2026.
- Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR). Fragen und Antworten zu Acrylamid in Lebensmitteln. Abgerufen 2026.
- Kommission E / ESCOP. Monographie Taraxaci radix cum herba (Löwenzahnwurzel mit Kraut). Abgerufen 2026.
- Bundeszentrum für Ernährung (BZfE). Ballaststoffe – lösliche Fasern wie Inulin. Abgerufen 2026.
- Roberfroid MB. Inulin-type fructans: functional food ingredients. J Nutr. Abgerufen 2026.
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